Silvester – Eine Geschichte von Tamara Nord

Der Alltag einer AnästhesistinSilvester. 

Tamara, die Anästhesistin hat Bereitschaftsdienst.

Mitternacht vorbei.

Noch kein Anruf. Soll sie sich hinlegen?

Da klingelt das Telefon. Eine Schwesternschülerin meldet sich und sagt: “Sie sollen einen Katheter legen.

“Katheter?” wundert sich Tamara.

“Da sind sie aber falsch. Das machen Schwestern bei Frauen und Pfleger bei Männern!”

“Nein, nein, keinen Blasenkatheter.”

“Ach so, Sie meinen einen Subclavia-Katheter[1]?”

“Ja, ja!”

“Wo?”

“Im OP.”

“Ich komme.”

Das ging schnell, sie brauchte ja nur den Hof zu überqueren.

Ihre Gedanken eilten ihr voraus: Warum und wozu wird ein Subclavia-Katheter gebraucht? Tamara mochte das gar nicht. Denn dabei mußte man “blind” arbeiten, die Vene unter dem Schlüsselbein konnte man weder sehen, noch tasten. Und sie wußte nur zu gut, was da alles passieren konnte: Verletzung der Lunge, Blutungen, Infektionen. Also hat sie es immer gemieden, wenn nur möglich.

Im OP fand sie zwei Chirurgen, die ein völlig zertrümmertes Bein zu flicken versuchten. Das Bein gehörte einem sehr jungen Mädchen, das schon intubiert[2] am Tisch lag. Es atmete spontan, bekam nur Sauerstoff.

“Wir dachten, daß wir alleine zurecht kommen und Sie gar nicht stören müssen.” erklärte der Chefchirurg.

“Schon fast seit zwei Stunden sind wir am Werk und es wird noch lange dauern. Einen venösen Zugang konnten wir nicht schaffen, deshalb brauchen wir Ihre Hilfe.

Kein Wunder, dachte Tamara. Die Patientin hat viel Blut verloren, die Schmerzen, die Angst. Sie war im Schockzustand, da kollabieren die Venen. Also da bleibt nichts anderes übrig, der Subclavia-Katheter muß her.

Es klappte auf Anhieb. Tamara nahm sofort eine Blutprobe ab, fürs Labor. Außer den üblichen Routineuntersuchungen, verlangte sie die Blutgruppenbestimmung und bestellte gleich mehrere Blutkonserven. Dann wurde die EKG-Überwachung angelegt, das Herz raste, arbeitete aber regelmäßig. Warum hat sie keinen Blasenkatheter, fragte sie verwundert. Keine Antwort. Offenbar hat niemand daran gedacht.

“Sie muß gleich einen haben. Wir müssen sehen, ob und wie die Nieren arbeiten, es könnte auch Blut im Urin sein.”

Als sich eine Schwester dran machte, einen Blasenkatheter zu legen, machte die Patientin eine gezielte Abwehrbewegung. Erst da wurde Tamara klar; sie ist ja gar nicht bewußtlos! Und die operieren ohne Narkose! Sprechen kann sie ja nicht, mit dem Tubus. Es war sinnlos zu intubieren, wenn sie spontan atmet. Was die Arme leiden mußte und immer noch muß.

Tamara sprach sie jetzt an: “Keine Angst mein Kind, Niemand tut Ihnen was Böses, wir sind alle da, um Ihnen zu helfen. Sie bekommen jetzt gleich etwas gegen Schmerzen und zum Schlafen.

Das Mädchen öffnete jetzt die Augen, hat offenbar verstanden, wehrte sich nicht mehr. Tamara spritzte sofort Rohypnol und Ketanest. Die rasende Herztätigkeit beruhigte sich rasch. Als Tamara sicher war, daß die Patientin jetzt nichts mehr mitbekam, versuchte sie den Chirurgen die Situation zu erklären. Daß die Patientin in Schock ist, im schlechten Allgemeinzustand und nicht imstande, die lange OP zu verkraften. Daß man einen Hubschrauber anfordern muß und das Mädchen auf eine Intensivstation bringen muß. Dort gibt es eine Chance, daß es sich erholt und dann kann alles Weitere getan werden.

Vergeblich. Sie begriffen es nicht. Das Bein muß so gut wie möglich repariert werden. Sofort.

Tamara rief verzweifelt: “Was nützt es, wenn das Leben nicht erhalten werden kann!

Sie blieben stur. Fachidioten, dachte Tamara. Wenn sie sie nur gleich gerufen hätten. Dann hätte sie dem Mädchen die Intubation und vielleicht auch den Subclavia-Katheter ersparen und mit ihr gleich reden können. Sie hätte ihr Schmerz- und Beruhigungsmittel geben können und zwei Stunden früher mit der Schockbekämpfung beginnen können. Dann hätte sie den Chirurgen die Sache rechtzeitig erklären können und wenn diese gehorcht hätten – sie wollten schließlich auch nur das Beste für das Mädchen – dann hätten sie nur schnell das Nötigste gemacht: Blutstillung und Beinimmobilisierung bevor der Hubschrauber sie auf die Intensivstation gebracht hätte.

Sie arbeiteten bis zum Morgengrauen.

Am nächsten Tag starb das Mädchen.

Tamara war wütend. Sie fühlte sich machtlos und am Ende ihrer Kraft. Denn ähnliche Fälle waren gar nicht so selten. Vor kurzem passierte es, daß ein junger Chirurg sie anrief und aufgeregt sagte: “Kommen Sie schnell! Schon wieder so ein schwerverbranntes Kleinkind.”

Und da hat Tamara – normalerweise ruhig und freundlich – ihrer Wut freie Bahn gelassen und hemmungslos gebrüllt: “Schicken sie das Kind sofort in die nächste Intensivstation! Nur dort hat es eine Überlebenschance! Sie wissen doch, wie es bei dem letzten verbrannten Kind war! Paar Tage hier herumgebastelt, dann starb es! Das darf nicht noch einmal passieren.”

Der junge Kollege stotterte: “Ja aber, Sie wissen doch… mein Chef…und Ihr Chef …”

Tamara brüllte weiter: “Sie haben Nichts zu befürchten! Ich übernehme die Verantwortung ganz allein! Tun sie, was ich sagte und so schnell wie möglich!”

Sie warf den Hörer in die Gabel und sich zitternd auf den nächsten Stuhl.

Der junge Kollege gehorchte. Das Kind überlebte. Keiner der Chefs machte ihr Vorwürfe. Für solche Momente fand sie den täglichen Kampf lohnend.

Copyright by Tamara Nord http://www.lulu.com/content/1505434


[1] Subclavia-Katheter, d.h. ein Infusionsschlauch in die große Vene unter dem Schlüsselbein
[2] Intubieren, d.h. einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre einführen
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